-Was Leute so machen: Ein programmierender Philosoph

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Unterschiedliche Menschen begeistern sich für unterschiedliche Dinge. In meinen Interviews lasse ich Menschen erklären, was sie interessiert. Heute spreche ich mit Oliver Will, der zwei Dinge miteinander verbindet, die man nicht unbedingt zusammen erwarten würde: Philosophie und Computersimulationen.
Ich finde diese Forschung sehr interessant, weil sie eine andere Form von Sozialwissenschaft ist, der man weniger leicht vorwerfen kann, dass sie unwissenschaftlich und nicht exakt sei. Deshalb will ich sie hier vorstellen.

 

Nun aber zum Interview:

FD: Von Physikern und Ingenieuren, die Computersimulationen verwenden, haben die meisten von uns schon mal gehört. Du aber schreibst und benutzt Computerprogramme für Deine Doktorarbeit in Philosophie. Wie passt das zusammen?

OW: Auf eine ganz ähnliche Frage versuche ich in meiner Doktorarbeit eine Antwort zu geben. Ich nehme mir einen philosophischen Klassiker vor, übersetzte ihn in eine Sprache, die mein Computer versteht, und versuche zu zeigen, dass wir dadurch etwas gewinnen.


FD: Du nimmst Dir ein altes, verstaubtes Buch und übersetzt es für Deinen Computer?

OW: Na ja, so ungefähr. Ich übersetze natürlich nicht Wort für Wort das gesamte Werk sondern konzentriere mich auf die zentralen Annahmen einer bestimmten Theorie. Mein konkretes Beispiel ist dabei ein Element der Moralphilosophie des schottischen Philosophen David Hume. Ganz grob gesprochen, hat Hume vor gut 250 Jahren eine Theorie entwickelt, die besagt, dass das Zusammenleben von Menschen in großen Gruppe, wie unseren heutigen Gesellschaften, durch zwei Erfindungen des Menschen möglich wurde: Gerechtigkeit und Staat.

 

FD: Kann man das in einer konkreten Formel wie “6 + 1 = 7″ ausdrücken??

OW: Hmm, ja vielleicht könnte man grob sagen: menschliche Natur => ärmliches Leben in Kleingruppen, menschliche Natur + Tugend der Gerechtigkeit => mehr Wohlstand in größeren Gruppen und menschliche Natur + Tugend der Gerechtigkeit + Staat => relativer Reichtum in großen Gruppen.

 

FD: Gerechtigkeit ist eine Erfindung des Menschen?

OW: Für Hume ist sie das, ja. Für ihn besteht Gerechtigkeit vor allem im Respekt des Eigentums anderer Menschen und das Halten von Versprechen und Verträgen. Seiner Meinung nach hatte der Mensch die Tugend der Gerechtigkeit nicht schon immer, beispielsweise weil sie ihm von Gott gegeben wurde. Der Mensch musste sie erst erlernen und dieser Lernprozess war lang und schwierig.

 

FD: Ok, ich verstehe. Aber was verspricht Du Dir nun davon, diese Theorie in Deinen Computer zu übertragen?

OW: Zunächst mal ist es ja gar kein einfaches “Übertragen”. Ein Computer versteht nur eine formale Programmiersprache und eine solche Sprache ist eindeutig. Es kann keine Missverständnisse geben.

 

FD: Geht das vielleicht etwas konkreter?

OW: Nehmen wir mal unterschiedliche Behauptungen: “2 + 2 = 5″ und “Das Nichts nichtet.” Bei der ersten sehen wir sofort, was behauptet wird und können auch sagen, dass die Behauptung falsch ist. Die zweite Behauptung dagegen, die übrigens auf Heidegger zurückgeht, ist problematischer. Wir wissen nämlich eigentlich gar nicht genau, was da behauptet wird und können daher auch nicht sagen, ob die These nun wahr, falsch oder vielleicht einfach nur sinnlos ist. Wenn wir die zweite These in eine Computerprogramm übertragen wollten, müssten wir sie klarer machen und das ist ein wichtiger Aspekt bei meiner Arbeit: Das Übersetzen in Computerprogramme zwingt uns zu Klarheit.

 

FD: Hmm, was macht man denn aus einem Satz wie “Das Nichts nichtet.”?

OW: Tja, das ist eine gute Frage, um die ich mich glücklicherweise nicht kümmern muss, weil Hume sehr schönes klares Englisch geschrieben hat. Aber natürlich gibt es auch bei ihm Unklarheiten und vor allem Lücken in der Theorie?

 

FD: Was denn für Lücken?

OW: Wenn man eine Theorie im Text abliefert, dann äußert man sich nun mal nicht zu allen Details. Einige Dinge bleiben unbestimmt. Hume geht zum Beispiel davon aus, dass Menschen schon immer in einen sehr engen Bereich, also unter nahen Verwandten, einigermaßen gerecht waren. Es sagt aber nicht genau wie eng der Bereich gewesen sein soll. Glaubt er, dass es vor allem Eltern und Geschwister betraf oder auch Onkel, Tanten, Neffen und so weiter? In einem Computermodell kann ich das nicht einfach offen lassen. Ich muss mich auf einen Wert festlegen oder viele verschiedene Werte ausprobieren. Man sagt dazu auch, dass man seine Annahmen explizit machen muss.

 

FD: Ok, also willst Du durch das “Übersetzen” in ein Computermodell mehr Klarheit und Vollständigkeit in eine Theorie bekommen. Soweit scheint mir das klar zu sein.

OW: Ja, aber es gibt noch andere Gründe. Zu einer Theorie gehören ja nun mindestens zwei Dinge: Annahmen und etwas, dass angeblich aus diesen Annahmen folgen soll. Nehmen wir zum Beispiel an, ich bitte Dich um eine Theorie, was passiert, wenn Du jetzt Deinen Finger öffnest und Deinen Stift fallen lässt.

 

FD: Er fällt runter.

OW: Ja, denn Du nimmst an, dass Du ihn nicht mehr festhältst und Du nimmst an, dass die Schwerkraft wirkt. Aus diesen Annahmen folgerst Du, dass der Stift fallen wird. Ok, Du denkst über die Annahme der Schwerkraft nicht mehr nach, weil Du daran gewöhnt bist, dass sie überall wirkt, wo Du bist, aber das ist ja nur ein Beispiel.

 

FD: Ok, und Hume hat nun bestimmte Annahmen in seinen Büchern beschrieben aus denen folgen soll, dass die Menschen Gerechtigkeit gelernt haben.

OW: Genau. Allerdings sind seine Annahmen viel komplizierter als die in unserem Beispiel. Unser logisches Denken, unsere mathematischen Fähigkeiten und auch unsere Intuition reichen nicht um das Ergebnis abzuschätzen. Deshalb benutzen ich einen Computer, denn rechnen kann der ziemlich gut.

 

FD: Besteht denn so ein Computerprogramm vor allem aus mathematischen Formeln?

OW: Mathematik spielt in meinen Programmen eine Rolle, aber vor allem nutze ich “agenten-basierte Modelle”. Das bedeutet, dass mein Programm eine künstliche Welt erzeugt, in der eigenständige Wesen, im Englischen eben “Agenten”, leben. Die Annahmen, die ich aus Hume herausgesucht habe, bestimmen wie die Welt aussieht und nach welchen Regeln die Agenten handeln. Dann lässt man diese künstliche Welt laufen und schaut, was passiert.

 

FD: Das klingt spannend, aber auch sehr kompliziert.

OW: Es klingt sehr viel komplizierter als es ist. Mittlerweile gibt es sehr gute und sogar kostenfreie Softwarepakete, mit denen es recht leicht ist solche Modelle zu entwickeln.

 

FD: Na ja, für einen Informatiker ist es sicher leichter als für einen Soziologen, der noch nie programmiert hat, oder?

OW: Das stimmt schon, aber auch ohne Erfahrung mit einer Programmiersprache ist es machbar. Studenten an unserem Institut habe ich z.B. schon mehrfach Einführungen in “NetLogo” gegeben. Die haben in der Regel auch noch nie was mit Informatik zu tun gehabt, aber die Ergebnisse waren erstaunlich. “NetLogo” ist wirklich recht einfach zu erlernen aber gleichzeitig schon ein ziemlich tolles Werkzeug. Zudem ist es kostenlos. Wer sich dafür interessiert sollte einfach mal bei Google danach suchen.

 

FD: Hmm, da muss ich später mal gucken… Glaubst Du denn, dass diese Computermodelle in Zukunft eine wichtige Rolle in der Sozialwissenschaft spielen werden?

OW: Ich denke schon, ja. Der Sozialwissenschaft wird von vielen Seiten vorgeworfen, dass sie unwissenschaftlich oder gescheitert sei. Meiner Meinung nach, ist sie aber nicht gescheitert. Das wäre ja eine Kapitulation. Im Vergleich mit den Naturwissenschaften ist sie nur einfach noch nicht so weit entwickelt. Das hat natürlich damit zu tun, dass soziale Systeme sehr viel komplexer sind als sagen wir mal unbelebte Systeme, wie das Sonnensystem. In den Sozialwissenschaften wird es allgemeine Gesetze, wie es die Naturgesetze sind, vermutlich nie geben. Es gibt aber einen Ansatz, der sich “mechanismus-basierte Erklärung” nennt. Dieses Konzept halte ich für sehr einleuchtend und agenten-basierte Modelle können eben solche Erklärungen liefern.

 

FD: Kannst Du genauer beschreiben, was so eine “mechanismus-basierte Erklärung” ist?

OW: Ganz grob gesagt, besteht eine solche Erklärung darin, Annahmen über die Umstände, die Akteure und die Aktivitäten der Akteure anzugeben, die regelmäßig das hervorbringen, was ich erklären will. Wenn ich z.B. erklären will, warum Manager sehr hohe Risiken eingehen und damit eine Finanzkrise auslösen, dann muss ich meine Annahmen über die Umstände, also das Wirtschaftssystem, die Regeln der Bezahlung von Managern usw.  sowie meine Annahmen über die Manager und ihr Verhalten angeben. Dann muss ich zeigen, dass meine Annahmen auch wirklich zu einer Finanzkrise führen. Weil ich aber viele Annahmen habe, kann ich das nicht und brauche ein Computermodell. Detaillierter und genauer begründet ist das Konzept in den ersten 2 Kapiteln eines Buches von Peter Hedstrom mit dem Titel “Dissecting the Social – On the Principley of Analytical Sociology”. Diese vielleicht 30-35 Seiten kann ich jedem, der an Sozialwissenschaft interessiert ist, nur ans Herz legen.

 

FD: Bleibt denn da noch Raum für die klassische Sozialwissenschaft? Also für statistische Analysen, Umfragen und so weiter?

OW: Ja, natürlich. Die empirische Forschung ist sehr wichtig, denn sie hilft uns zu ermitteln, wie Menschen handeln. Mit ihr können wir also überprüfen, ob unsere Annahmen richtig sind.

 

FD: Wenn ich jetzt so alles zusammenpacke, dann denke ich, dass man dieses Modelle doch eigentlich auch in verschiedenen Branchen benutzen kann, die ausserhalb der Philosophie liegen?

OW: Ja, es müssen nicht nur theoretische Probleme aus der Philosophie oder Soziologie sein. Auch Wirtschaftswissenschaftler nutzen agentenbasierte Modelle für ihre Fragestellungen. Man versucht beispielsweise Modelle zu entwickeln, die Entscheidungsträgern in der Politik helfen sollen, die Folgen bestimmter Maßnahmen besser abschätzen zu können.

 

FD: Eine letzte Frage: Wenn wir Humes Theorien nun in Computermodelle gepackt haben, müssen wir Hume dann eigentlich noch lesen?

OW: Aber sicher. Hume zu lesen lohnt sich immer!

[singlepic id=49 w=90 h=135 float=right] Zur Person: Oliver hat an der Uni Bayreuth “Philosophy and Economics” studiert und arbeitet nun an seiner Doktorarbeit, in der er der Frage nachgeht, was man gewinnen kann, wenn man sozialwissenschaftliche Theorien in mathematische Formeln und Computerprogramme übersetzt.

Comments: 2 Comments

2 Responses to “-Was Leute so machen: Ein programmierender Philosoph”

  1. apolloraver sagt:

    Man muss mal diesen Programm die daten eintippen, dass (laut Angaben) die Menschheit sich aus dem Inzest herausgebildet hat. Mal sehen ob Sie sich verrechnet und sich selbst zerstört oder nicht ? ! _ :)

  2. Flitz sagt:

    hmmm fragen wir dann mal den spezialist.
    was sagen sie dazu Herr Will?:)