Ich bin dann mal Offline – Ein Interview mit Christoph Koch

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Seit sehr, sehr langer Zeit habe ich nicht geschrieben, doch nun bin ich zurück und freue mich Euch ein Interview mit Christoph Koch präsentieren zu können!

Danke dir, Christoph, von ganzen Herzen! Ich wünsche Dir noch mehr Erfolg und Glück im Leben !!!

Nun, wieso habe ich so ‘ne lange Zeit nicht geschrieben oder Interviews und Fotos gemacht???

Ich war mit meinem Umzug nach Deutschland, mit der Bürokratie und dem Einlebem beschäftigt. Jetzt lebe ich schon seit 4 Monaten in Deutschland und es wird mal wieder Zeit aus meinem Mauseloch rauszukommen.

Am Anfang hatte ich Vorurteile, als ich dem lieben Christoph Koch eine Mail schrieb und fragte, ob er mit mir ein Interview machen würde.

Ich hatte sein Buch,”Ich bin dann mal offline – Leben ohne Internet und Handy”, durch meine KoWi-Veranstaltung kennengelernt und gelesen. Vom Buch war ich so begeistert, dass ich die Mail dann aber ohne Nachdenken abgeschickt habe. Trotz meiner skeptischen Erwartung, kam sehr schnell eine Antwort, und ich hatte ein “JA” bekommen.

Nun musste man das Interview vorbereiten. Wegen meiner Aufregung war das natürlich sehr schwierig.

Doch letztlich hatte ich es geschafft und wir haben das Interview verwirklichen können.

Christoph Koch ist ein Journalist und arbeitet für Neon, Die Zeit, Financial Times-DE, brand eins, Tagesspiegel, GQ und viele andere Zeitungen/Zeitschriften.

Im vergangenen Jahr hat er ein Experiment gemacht: 40 tage ohne Handy und Internet hat er gelebt und dabei ist das Buch rausgekommen.

Nun zum Interview:


Sie haben einen Selbstversuch gemacht, der 40 Tage dauerte.  Welche Grundidee steckte dahinter?

 

Als ich ein paar Monate vor dem Selbstversuch umgezogen bin, hatte ich in den ersten Wochen keinen Internetanschluss. Da mich das so genervt hat, habe ich mir einen UMTS-Stick mit Vertrag über zwei Jahre gekauft. Insgesamt 600 Euro – nur um ein paar Tage schneller wieder im Netz zu sein! Eigentlich verrückt, aber viele Leute aus meinem Umfeld berichteten, dass sie es ebenfalls nicht mehr aushalten können, längere Zeit offline zu sein.

Weil ich wissen wollte, ob ich süchtig bin, habe ich mich dann (nachdem mich die Telekom irgendwann freundlicherweise doch wieder ins Netz gelassen hatte) für den kalten aber freiwilligen Entzug entschieden und den Stecker gezogen. Der Computer wurde vom Internet getrennt, das Handy wanderte ausgeschaltet in die Schublade.


Wenn Sie die 40 Tage in Etappen/Phasen einteilen müssten, wie würden Sie das machen?

Die ersten ein bis zwei Wochen waren tatsächlich harter Entzug und oft auch sehr anstrengend und nervig, weil an jeder Ecke eine Sache gelauert hat, die ich im Internet innerhalb von zwei Sekunden hätte klären können. Vieles wurde umständlicher. Zusätzlich hatte ich anfangs auch ein schlimmes Gefühl der sozialen Vereinsamung, die ich in dieser Intensität nicht erwartet hätte. Ich hatte den Eindruck, abgeschottet zu sein, sei es von den Freunden in der Ferne, mit denen ich über Facebook Kontakt halte. Oder auch von Leuten, die eigentlich nur zwei Straßenecken weiter wohnen, mit denen ich aber trotzdem – was ich vorher gar nicht bemerkt hatte – mittlerweile alles per SMS oder Mail ausgemacht habe.

Nachdem diese erste harte Phase überwunden war, wurde es aber besser und ich fand mehr Ruhe und habe das Offlinesein irgendwann sogar so genossen, dass ich nach dem Monat, auf den das Experiment urspünglich begrenzt sein sollte, noch mal um zehn Tage verlängert habe. Mit einem Mal erschien es mir einfacher, offline zu bleiben, als wieder zurückzukehren in den Datenstrom von Internet und Handy, von Smartphones und ständig eintreffenden Mails.

Die dritte Phase, die ich in meinem Buch “Ich bin dann mal offline” schildere, sind die Tage nach dem Selbstversuch, also gewissermaßen die Rückkehr in die digitale Welt. Und die war fast so ungemütlich wie der Ausstieg: Als ich wieder online war und beispielsweise Festnetz und Handy gleichzeitig klingelten, war ich plötzlich wahnsinnig gestresst. Die Ruhe, die ich während des Versuchs geschätzt hatte, war schnell wieder dahin.

In den 1970’er haben sich zwei Berliner Arbeiterfamilien für ein Experiment von ZDF und Publizistik Studenten der FU zur verfügung gestellt. In diesem Experiment sollten sie “vier Wochen ohne Fernsehen” leben. Sie wurden mit Kameras aufgenommen und man konnte beobachten, wie stark sie darunter litten. Bei Ihrem Selbstversuch waren die Gefühle nicht so stark und Sie scheinen weniger gelitten zu haben.

nnen Sie das erklären ?

 

Die ersten ein bis zwei Wochen habe ich schon auch gelitten und fühlte gewisse Entzugserscheinungen – wie beispielsweise das “Phantomvibrieren” meines Handys in der Hosentasche, das doch aber ausgeschaltet in der Schublade lag. Wenn es bei mir vielleicht nicht so extrem war, wie bei den Fernsehfamilien, könnte es daran liegen, dass ich mir schnell Ersatz für das gesucht habe, was mir durch das Offlinesein gefehlt hat. Statt Internet-News habe ich wieder mehr Zeitung gelesen, statt Google Maps habe ich den alten Schulatlas benutzt und statt bei eBay durch zielloses Stöbern Zeit totzuschlagen, habe ich – und da schließt sich der Kreis zum 70er-Jahre-Experiment – plötzlich wieder mehr ferngesehen als in den letzten Jahren, in denen ich das zugunsten des Internets mehr und mehr eingeschränkt hatte.


Forscher der Universität Maryland und der Salzburg Academy on Media and Global Change haben eine Studie durchgeführt in dem 200 studente 24 stunden Ihrer Definition  nach versucht haben offline zu sein (kein internet , kein facebook, kein i-pod, kein handy, kein fernseher, kein telefon etc). Man wollte herausfinden, wie abhöngig sie von den Medien sind.

“Sehr ängstlich”, “auf Entzug” oder “extrem kribbelig” waren einige der Begriffe, mit denen die Studienteilnehmer beschrieben, wie ihnen in Abwesenheit von Facebook, YouTube oder iTunes zumute war. Das Ergebnis erinnerte an den Entzug Alkohol- und Drogenabhängiger.

Ähneln ihre Erfahrungen diesem Ergebnis?

Sehr – auch ich habe die Erfahrtung gemacht, dass die ersten Stunden und Tage des „Entzugs“ die extremsten waren. Für mein Buch habe ich jedoch auch die Psychologen der ersten deutschen Ambulanz für Computerspiel- und Internetsucht besucht und mit ihnen darüber gesprochen, ab wann man von einer Abhängigkeit oder Sucht sprechen kann. Denn nur weil man nicht gerne auf etwas verzichtet bzw einem etwas fehlt, wenn man darauf verzichten muss (Telefon, Schuhe, Freundschaft) kann man ja noch nicht automatisch von einer Sucht sprechen.

Die Psychologen in Mainz sagten mir, dass normalerweise mehrere Kriterien über einen längeren zeitraum erfüllt sein müssen, damit eine Suchtgefahr vorliegt. Diese Kriterien sind unter anderen, dass man mehrmals erfolglos versucht, den eigenen Konsum (beispielsweise von Internet-Chats, etc.) zu reduzieren. Dass man Dritten gegenüber über den Umfang des Konsums lügt. Dass man die Dosis erhöhen muss.

Dass Beruf, Partnerschaft, Freundschaften, etc. unter dem Konsum leiden. Und so weiter. Wenn mehrere dieser Faktoren über mehrere Monate erfüllt sind, gehen die Experten von einer möglichen Sucht aus. Eine Stanford-Studie aus dem Jahr 2006 geht davon aus, dass in den USA bereits jeder achte Erwachsene erste Anzeichen von Internetabhängigkeit zeigt. Zahlreiche Psychotherapeuten weltweit fordern deshalb, dass das Internet-Abhängigkeitssyndrom (so die offizielle Bezeichnung für den Begriff „Internetsucht“) tatsächlich als offizielle Krankheit anerkannt wird.

 

Haben Sie aus der Zeit ohne Internet etwas gelernt, das Ihnen jetzt – wo Sie wieder online sind – nutzt?

 

Ich habe durch das Experiment eine Menge über mich gelernt und über die Art, wie wir heute miteinander kommunizieren. Es gibt auch mehrere pragmatische Dinge, die ich aus dieser Zeit mitnehme: nicht gleich am Morgen die E-Mails abrufen, sondern die ersten paar Stunden des Tages mit der Arbeit verbringen, die man selbst für wichtig hält. In den Mails lauert nur der Steuerberater und hat noch eine Frage, und diese Person will etwas von einem und jene hat eine Frage – und ganz schnell verliert man sich in diesen kleinen Dingen. Zusätzlich habe ich mir einen Online-Sabbat auferlegt und versuche samstags so weit es geht, offline zu . Dabei fällt es mir allerdings deutlich leichter, auf das Internet zu verzichten als auf das Handy.

Mein Verhältnis zum Internet hat sich aber insgesamt etwas entspannt, bzw. habe ich gemerkt, dass es ohne manchmal besser geht. Ich gehe seit meinem Experiment zum Beispiel oft einen halben Tag lang zum Schreiben in die Berliner Staatsbibliothek, wo das Handy lautlos und der Computer offline ist. Dort schaffe ich an einem Vormittag oft so viel wie Zuhause – abgelenkt von Internet und Telefon – an zwei Tagen.

Sie haben die Tage ohne Internet und Handy damit verbracht, an einem Buch über diese Zeit zu arbeiten. Glauben Sie, es wäre schwieriger gewesen, wenn Sie diese Möglichkeit nicht gehabt hätten?

Das Buchprojekt hat mir sicher geholfen, die ersten schwierigen Offline-Tage zu überstehen, da das ganze dadurch einen gewissen “Sinn” bekam. Wenn man so einen Anlass nicht hat, bleibt es ja leicht bei einem Lippenbekenntnis wie “Demnächst versuche ich vielleicht mal, ein bisschen weniger vor dem Bildschirm zu sitzen”. Ich hatte also schon eine gute Motivation, mit dem Experiment zu beginnen – und es auch durchzuhalten. Nach einer gewissen Umgewöhnung wurde das Offlinesein aber immer einfacher, so dass am Ende, als ich den Versuch freiwillig verlängert habe, das Buch gar nicht mehr die entscheidende Rolle dafür spielte.

Andersherum hat es mir das Offlinesein aber auch einfacher gemacht, das Buch zu schreiben, da ich in den sechs Wochen deutlich weniger abgelenkt war und mich mehr auf die Recherchearbeit für das Buch, die Fachliteratur, die Experteninterviews und so weiter konzentrieren konnte. Natürlich habe ich das Buch nicht in den sechs Offline-Wochen geschrieben, aber ich hatte den Eindruck, in dieser Zeit deutlich effektiver, produktiver und selbstbestimmter in meiner Arbeit gewesen zu sein.

Welches war der schlimmste Moment in den 40 Tagen ohne Internet und Handy?

 

Die ersten Tage waren generell sehr trist und ich fühlte mich jämmerlich. Einzelne schlimme Momente gab es aber auch, zum Beispiel als ich für eine Recherche nach Bonn fahren musste und plötzlich Angst hatte, kein Hotelzimmer mehr zu finden, weil alles ausgebucht war und ich mir nicht wie sonst vorher per Internet etwas reserviert hatte. Oder als ich mit einem Freund verabredet war und plötzlich niemand am verabredeten Ort erschien – und ich keine Möglichkeit hatte, ihn per Handy zu kontaktieren und zu fragen, was los ist.

Planen Sie ein weiteres Experiment über einen längeren Zeitraum und/oder ohne „Sicherheitsvorkehrungen“ (Automatische Beantwortung von Mails, Fax, Festnetztelefon etc.)?

Über einen längeren Zeitraum würde ich vermutlich nicht noch einmal offline gehen – die Erfahrungen, die daraus entstehen, habe ich gemacht und ich glaube nicht, dass es beim zweitem Mal arg anders wäre. Eine regelmäßige „Kurzkur“ von vielleicht einer Woche könnte ich mir hingegen gut vorstellen, es hat sich schon eine Gruppe von Leuten gemeldet, die das regelmäßig zusammen tun wollen. Auch wenn ich es mit Gruppenaktionen nicht so habe: gute Idee.

Wie sehr fehlte Ihnen die soziale Anerkennung, die man in Services wie Facebook, Twitter etc. bekommt. Kann man die im “realen” Leben eigentlich noch in gleichem Maße erfahren?

Natürlich erfährt man auch im realen Leben Anerkennung – sei es im Job, in Freundschaften oder Beziehungen, im Sport. Aber nur in wenigen Fällen ist sie so klar messbar und vor allem durch so wenig Aufwand erzielbar wie im Internet. Ein lustiges Video bei Youtube gefunden, bei Facebook verlinkt und schon heben ein Dutzend Freunde den virtuellen Daumen – das ist natürlich gut fürs Ego. Auf einem etwas ernsthafteren Level finde ich es aber auch interessant, wenn man als Journalist zum Beispiel bei Twitter sehen kann, welche Menschen Artikel, die man geschrieben hat weiterempfehlen oder Kommentare dazu verfassen. Das ist eine Art von Rückmeldung – mal positiv, mal negativ – die es so direkt und massiv vorher nicht gab. Die Hürde, einen Leserbrief zu schreiben, ist eben deutlich höher.

Während der Offline Phase haben Sie viel zum Thema geforscht und mit Experten/Wissenschaftler gesprochen. Wie würden Sie Ihre Erkenntnisse zusammenfassen?

 

Puh, eine schwierige Frage … Da die Wissenschaftler sich mit sehr unterschiedlichen Ansatzpunkten beschäftigt haben, kann man ihre Erkenntnisse kaum miteinander vermischen und zusammenfassen. Mit Robin Dunbar zum Beispiel habe ich darüber gesprochen, wie viele Freunde ein Mensch wirklich braucht und ob unsere Facebook-Freunde echte Freunde ersetzen können. Mit dem Hirnforscher  und Psyschologen Jaak Pankseep habe ich mich darüber unterhalten, was in unserem Gehirn passiert, wenn wir hören, dass wir eine neue SMS-Nachricht oder E-Mail haben und warum wir uns so oft stundenlang verzetteln, wenn wir eigentlich nur fünf Minuten etwas googlen wollten. Und mit den Mitarbeitern der Mainzer Ambulanz für Computerspiel- und Internetsucht habe ich mich darüber unterhalten, wo die Grenzen zwischen einem gesunden Vernetztsein und einer gefährlichen Abhängigkeit liegen. Was ich in diesen und vielen anderen spannenden Gesprächen mit Online-Junkies wie Sascha Lobo oder Internet-Verweigerern wie den amerikanischen Amish People erfahren habe, habe ich in “Ich bin dann mal offline – ein Leben ohne Internet und Handy” aufgeschrieben.

***Christoph Koch, 36, ist Journalist und arbeitet für NEON, brand eins, Tagesspiegel, GQ und viele andere. Im vergangenen Jahr ist sein Buch “Ich bin dann mal offline – Leben ohne Internet und Handy” (Blanvalet Verlag, 12,95 Euro) erschienen. Inzwischen ist der Wahlberliner wieder fast so oft online wie vor seinem Experiment – er bloggt unter http://www.christoph-koch.net und ist als @christophkoch bei Twitter aktiv.

 

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